Wir lesen und hören in den Medien seit vielen Jahren, dass psychische Störungen immer häufiger werden. Gründe hierfür sind schnell gefunden: Nachwirkungen der Corona-Pandemie, globale Krisen oder Stress am Arbeitsplatz. Tatsächlich sehen wir eine deutlich gestiegene Inanspruchnahme von psychiatrischen und v.a. psychotherapeutischen Leistungen. Auch haben sich die diagnostischen Gewohnheiten verändert, so dass Verhaltensweisen, die früher durchaus als „normal“ galten, heute immer häufiger als „krankhaft“ eingeordnet werden. Epidemiologische Studien, die einen tatsächlichen Anstieg psychischer Störungen wirklich belegen, gibt es bis heute nicht. In einer Zeit, in der psychische Belastungen und diagnostische Zuordnungen zunehmend im öffentlichen Fokus stehen, fällt es uns immer schwerer, gerade in Jugend- und jungem Erwachsenenalter zwischen normalen Entwicklungsphänomenen und behandlungsbedürftigen psychischen Störungen zu unterscheiden.
Der kurze Einführungsvortrag von Prof. Dr. Markus Jäger, Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kempten, setzt sich mit der Frage auseinander, was denn heute noch „normal“ ist, und ob wir derzeit eine „Inflation psychiatrischer Diagnosen“ erleben.
Michael Leicht, Diplom-Psychologe und Leiter der ambulanten Angebote Allgäu der Katholischen Jugendfürsorge Augsburg wird dann im Hauptvortrag auf das Thema „Gesund aufwachsen – Zwischen Sensibilität und psychischer Widerstandskraft“ eingehen. Er beleuchtet hierbei, welche Bedingungen Kinder und Jugendliche benötigen, um emotionale Robustheit und innere Stabilität zu entwickeln, ohne dabei die notwendige Sensibilität für tatsächliche psychische Erkrankungen aus dem Blick zu verlieren. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie es gelingen kann, jungen Menschen Halt zu geben, ohne ihnen jene Herausforderungen abzunehmen, an denen sie Vertrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit gewinnen.